Kommentar: Der Falsche muss gehen

Foto: vfb-exklusiv.de / mit freundlicher Genehmigung
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von @benjamin_frie

 

Der VfB Stuttgart und Hannes Wolf gehen in Zukunft getrennte Wege. Das verkündeten die Schwaben am heutigen Vormittag. Dabei soll es nach intensiven Gesprächen gestern Abend zwischen Reschke, Wolf und Dietrich zu dieser gemeinsamen Entscheidungsfindung gekommen sein.

 

Mit Hannes Wolf verliert der VfB nicht nur einen großen Sympathieträger, sondern auch einen ehrlichen Trainer, der mit seiner kommunikativen Art die Fans immer wieder aufs neue beeindruckte. Für viele ist er der Aufstiegsheld, für andere ein großes Trainertalent, dem immer wieder eine enorme Sozial- und Fußballkompetenz zugesprochen wurde. Dass das Kapitel Wolf so schnell ein Ende nehmen würde, hatte man vor ein paar Wochen wohl noch nicht vermuten können.

 

Dabei wollte der VfB doch endlich rauskommen aus dem Kreislauf, der sich in den letzten Jahren immer wieder abgespielt hat. Nach der ersten Talsohle geht der Trainer, ein neuer kommt, der warum auch immer es schafft die Mannschaft wieder zu motivieren, um dann nach seiner ersten Misere auch wieder gehen zu müssen. Man braucht nur einmal in Freiburg nachzufragen, was es bringen kann, auf Dauer an einem Trainer festzuhalten. In guten wie in schlechten Zeiten. 

 

Fragwürdig ist zunächst einmal der Zeitpunkt der Trainerentlassung. Kurz vor dem Deadline Day muss man sich jetzt auf die Trainersuche konzentrieren, anstatt sich nach sinnvollen Verstärkungen umzuschauen, die der VfB noch bitter nötig hätte. Wie schwer es wird einen Spieler von einem Verein zu überzeugen, der nach außen wieder einmal ein totales Chaos ausstrahlt, braucht man keinem zu erklären. Auch der Blick auf momentane Alternativen auf dem Trainermarkt könnte besser aussehen.

 

Kontinuität propagierte Wolfgang Dietrich immer wieder. Er war es, der andauernd betonte, dass man kontinuierlich arbeiten müsse, um erfolgreich zu sein. Dass das bedeutet, das Jan Schindelmeiser nach ersten Uneinigkeiten gehen muss und Hannes Wolf nach einer schwierigen Phase entlassen wird, war den Mitgliedern damals auf den Versammlungen scheinbar nicht bewusst, als sie sowohl Dietrich zum Präsidenten bestimmt als auch die von ihm vorangetriebene Ausgliederung durchgewunken haben.

 

Ein Präsident, der sich gefühlt den ganzen Tag darauf konzentriert, neue Mitglieder zu werben, auf Kosten von ehemaligen Sympathieträgern wie Timo Hildebrand oder Aktionen wie "Du plus 1", von denen nahezu jedes Mitglied mittlerweile genervt ist. Dass Mitglieder alleine keine Tore schießen scheint dem Präsidenten manchmal nicht bewusst zu sein, hat man so den Eindruck. Hauptsache wir haben "den größten VfB aller Zeiten" und jedes Mitglied hat ein Gratis-Trikot abgestaubt. Dass Dietrich nach Schindelmeiser nun den nächsten Sympathieträger abseits der Mannschaft gehen lässt, sorgt nicht gerade für ein beruhigtes und vertrauensvolles Stuttgarter Umfeld.

 

Es ist alles andere als zielführend die Fehler nun alleine bei Hannes Wolf zu suchen. Der 36-Jährige bewies gestern Abend scheinbar eine unfassbare Größe,als er zugegeben haben soll, dass er Zweifel daran hat, die Mannschaft noch zu erreichen. Doch an was liegt das? Eine Antwort auf diese Frage wird es wohl nicht geben. Wenn man allerdings gestern gehört hat, wie Christian Gentner in diversen Interviews alles schön geredet hat, anstatt wie ein Bundesliga-Kapitän sich einmal hinzustellen und Verantwortung zu übernehmen, ist man nicht mehr weit davon weg, die Charakter-Frage zu stellen. Die Zweikampfquote von knapp 40 Prozent spricht eine deutliche Sprache. Dass Dietrich trotz allem am heutigen Vormittag von einer "intakten Mannschaft" spricht, die allerdings jeglichen Kampf und Willen am gestrigen Samstag vermissen lies, ist erschreckend.

 

Hinterfragen muss sich auch Michael Reschke. Nach wie vor fehlt dem VfB ein Offensivmann, der eine Verbindung zwischen Mittelfeld und Sturm darstellt, der es schafft, das zweifellos vorhandene Potential von Daniel Ginczek und Mario Gomez endlich in Szene zu setzen. Dass Simon Terodde in Köln wieder funktioniert, braucht einen dann nicht mehr zu überraschen. Andreas Beck und Dennis Aogo, die beide offensichtlich nicht in das System von Hannes Wolf passen, sind weitere Beispiele für einen falsch zusammengestellten Kader. Von Reschkes Kommunikationspolitik, auch und vor allem in Sachen VfB II ganz zu schweigen.

 

Bei all diesen Punkten kommt einem die Frage auf, ob es wirklich reicht, auf der Trainerposition einen Wechsel vorzunehmen. Dass sich Hannes Wolf wenigstens noch das Spiel in Wolfsburg verdient hätte, sei mal dahingestellt. Vielmehr kommt einem das Gefühl, dass heute nicht der Richtige, sondern der Falsche gehen musste.

 

Danke für deine Arbeit hier beim VfB, Hannes!